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Kapitel I
Kurz vor zehn. Der gelbe Rest im Glas war schal, im
Lokal nichts, was ihn zu bleiben hielt, und zu knapp auch
das Geld, um es für ein weiteres Bier auszugeben. Zeit
also, zu gehen.
"Was meinst du, Harald, wollen wir noch eine rauchen
und dann gehn?"
"Eigentlich ja, ist ja doch nichts los hier, und müde
bin ich auch. Kommt wohl vom Gammeln. Was die bloß
haben, dass die die Mühle nicht in Gang kriegen."
Harald nahm sich eine Zigarette aus der Packung, die Jürgen
gerade angebrochen hatte.
"Noch kein einziges Mal an dem Gerät gearbeitet,
seitdem wir hier sind."
"Gerade mal eine Woche. Ist mir im Grund aber auch
nicht so wichtig. Tat ganz gut das Gammeln, nach dem
letzten halben Jahr, erst bei den Stoppelhopsern und dann
auf dem Lehrgang. An Bord wäre es sicher ungemütlicher."
"Aber lieber wäre dir ein Bordkommando doch auch
gewesen, oder?"
"Das glaubst du ja wohl. Schließlich habe ich mir
ja gerade deshalb die Marine ausgesucht."
"Noch ist ja nicht raus, dass wir hier bleiben, wenn
ich Käpten Reich bei seiner Begrüßung richtig
verstanden hab."
"Dann hast du das auch so gehört wie ich?"
"Ich denke, ja."
"Dann sollen die sich aber bald entscheiden, ehe ich
mich hier an die Kinderschwestern gewöhnt habe. Sind
sehr viele Nette dabei, wie ich so gesehen habe. Oder
findest du nicht?"
"Doch, ja!"
Zu kurz diese Antwort, dachte Jürgen, der sich gerade
ein mögliches neues Kommando ausmalte, und fügte
schnell hinzu:
"Dann hoffen wir doch einfach, dass das Gerät noch
länger streikt und uns Zeit für die Kinderschwestern lässt."
Ihre Unbekümmertheit folgte dem Rauch nach, der gerade
zu den Schwaden, die im Gelb der Decke hingen, unterwegs
war, und wurde mit ihm als Erstes von dem plötzlichen
Wirbel erfasst, mit dem die beiden Mädchen und, in ihrem
Schatten, ein Mann gleichen Alters das Lokal betraten.
Jürgen fühlte sich wie die Mitte einer Bühne, auf die
die drei geradewegs zukamen und ihre Rollen zu spielen
begannen, nachdem der Vorhang aufgegangen und das
Rauschen des ersten Beifalls verklungen war. Völlig zu
Recht, dieser Beifall, weil ihm schien, es könne, nach
dieser, eine Hauptrolle nie wieder besser besetzt werden,
auf keiner Bühne der Welt.
Denn dieses Gesicht, mit der Frische junger Farben, nach
Frühling rochen sie, nach Salz, nach Tang und nach Meer,
hinein gemalt in den Rahmen zerzauster schwarzer Haare,
war die Summe aller Dinge, die ihm jemals wichtig waren.
In ihm waren die Fenster, nach Nächten, Rauch und zerknülltem
Papier, weit aufgerissen am Morgen, für Kühle, Luft und
zwitschernde Vögel. In ihm waren die Lichter der Stadt,
durch die Straßen flimmernd, über Häuser und Plätze
und weit genug entfernt von der Bank im Park. Und in ihm
waren die Stimmen und der Gesang aller Märchen, Wunder
und Sagen, mit denen er ins Gespräch gekommen war, seit
er sie von den ersten zerfledderten Seiten, die er in die
Hände bekam, ablesen konnte.
Dass ihr Tisch der einzige war, an dem es noch genug
freie Plätze gab, als Erkälrung für ihre
Zielstrebigkeit, mit der sie auf ihn zukamen, nahm er
erst wieder wahr, als sie, nach Frage, höflicher Bitte
darum und lächelndem Danke, bereits Platz genommen
hatten.
Erklärung hin, Erklärung her. Auch ohne diese Zufälligkeit,
die Hauptrolle war besetzt. Und zu der jungen Frau, zu
dem Mädchen passte alles. Die etwas eckige Figur, das
etwas herbe Gesicht ebenso, wie das hochgeschlossene,
dunkelgraue, mit schwarzem Leder abgesetzte halbärmelige
Kleid und, im Kontrast dazu, das Rot ihrer Lippen, das
mit dem der Fingernägel ihrer unruhigen Hände übereinstimmte,
und vor allem anderen der Name, dieser Name Vera, auf den
sie hörte, und der eigens und nur für sie gemacht zu
sein schien. Und zu ihr passte schließlich auch, wie sie
sich eine Locke aus der Stirn strich, etwas ziellos, um
sich festzuhalten vielleicht, nach der Zigarette griff,
und sich, leicht überrascht, bedankte, als er ihr, allen
zuvorkommend, Feuer gab.
Schnell sein, das konnte Jürgen, besonders, wenn ihm
etwas unpassend zu sein schien. Hier war es, instinktiv
und ohne jeden vernünftigen Grund so empfunden, die männliche
Begleitung, mit der sie aufgetreten war, höchst überflüssig
diese Rolle überhaupt, und, im Gegensatz zu ihr und dem
anderen Mädchen, ihrer Freundin offenbar, nicht einmal
gut besetzt.
Natürlich nicht, weil Jürgen nicht wollte, dass es
jemanden gab, der sie schon länger und besser kannte als
er, und dass es jemanden gab, der ihre Aufmerksamkeit
wieder von ihm ablenken konnte, sobald sie das Lokal
verlassen würden.
Das Halbrund der Tische, das Oval der Tanzfläche, die
Enge zwischen Säule, Wand und Tresen waren die Klammer,
in der die Zufälligkeit dieses Augenblicks fürs Erste
Halt fand. Das Einzige, was Jürgen tun konnte, die
Klammer um diesen Augenblick so lange wie möglich
zusammenzuhalten, war, die eben an Harald gerichteten
Worte zurückzuholen. Denn was jetzt, nicht nur
scheinbar, sondern mit absoluter Gewissheit, am wenigsten
passte, wäre zu gehen und kein Geld mehr für noch ein
Bier auszugeben.
Zwar müde noch immer, aber ohne Zögern, ließ auch
Harald den Ober nicht ohne Bestellung gehen und richtete
sich darauf ein, zu bleiben. Ihm war ja nicht entgangen,
dass Jürgen plötzlich, ganz neu und ausgewechselt, eine
Handbreit vom Boden abgehoben hatte. Um zwölf war
Zapfenstreich, und weil er Jürgen mochte, trotz seiner
Macken, seiner zuweilen schon seltsamen und unüblichen
Art zu reden, zu denken und zu handeln, kehrte auch er
die eben besprochene Absicht wortlos unter den Teppich.
Gemessen an den Stunden, die sie sowieso auf der Station
zubringen mussten, war das bisschen Landgang, das ihnen
blieb, eigentlich ja auch viel zu kostbar, um es
vorzeitig, und freiwillig noch dazu, zu verkürzen.
Und außerdem, es war auch ganz spannend, zu beobachten,
wie Jürgen sich veränderte, wie ihn die Gegenwart
dieses Mädchens ganz anders werden ließ, als er ihn
bisher kannte. Dieses Mädchen, ganz hübsch, ein
bisschen eigenwillig vielleicht, aber nicht nach seinem
Geschmack, wirkte auf Jürgen wie ein Zauberer, der aus
ihm, wie aus einem Hut, Dinge zum Vorschein brachte, die
keiner in ihm vermutet hätte.
Harald hatte, wie alle, wenn sie über ihn redeten, und
geredet wurde untereinander über jeden, und jeder hat
gelernt, Gespräche dieser Art als eine Konvention
hinzunehmen, arttypisch, so alt wie die Sprache selbst
und vielleicht so notwendig auch, und mit ihr zu leben,
von Jürgen den Eindruck einer auf Abstand bedachten Kühle.
Daran änderte auch seine Erscheinung nichts, mit der er
sicher bei den Mädchen immer dann gut ankam, wenn er
gerade mal nicht den Schatten dieser unsichtbaren Wand
vor sich hertrug.
"Überwiegend nicht erreichbar", stand auf dem
Zettel, der an die Tür gepinnt war, hinter der er sich
meistens aufzuhalten schien. Allerdings hatte er ihn auch
schon von seiner mitreißenden und überzeugenden Seite
kennen gelernt, wenn es in ihm zu glimmen anfing wie an
einer Lunte, die mit leuchtend rotem Punkt durch die Dämmerung
stieß und wieder gelöscht wurde, bevor sie das Pulver
im Zündloch erreichte, um es zu einer Stichflamme
verbrennen zu lassen.
In seinen Augen fing es an, als regne es Licht, das wie
eine Flut glitzernder Sterne den Horizont seiner
graublauen Iris überschwemmte und alles mit sich riss.
Das helle Gewölbe der Stirn und das Dunkel der Brauen
ebenso wie den Schwung von Wangen, Nase, Lippen und Kinn.
In seinen Gesten setzte es sich fort, auf denen seine
Worte tanzten, wie Boote, die der Wind aus ihrem Schlaf
geweckt hat, und in seinem Lächeln, das sein Gesicht,
vom Mund bis zu den Schläfen hin, in eine Weite tauchte,
in der keine Sonne unterzugehen und nichts zu Ende zu
gehen schien.
Irgendwie hatte Jürgen es dann geschafft, sich an einem
Wort, einem halben Satz oder an einer Bewegung ihrer
Hand, wie an einer Liane, in ihr Gespräch zu mischen.
Von da ab pendelte es zwischen den dreien, Harald und ihm
hin und her, wobei er schließlich mehr und mehr Schwung,
Inhalt und Richtung angab.
Den Schwung machte seine Lebhaftigkeit aus, den Inhalt
sein Charme und sein funkelnder Witz, und die Richtung
seine sprühende Fantasie, mit der er dieses Mädchen
immer wieder zurückholte und die Mitte sein ließ, um
die sie ihre Kreise zogen.
Auch wenn Jürgen es gerne gewollt hätte, gegen die Uhr
hatte er keine Chance, mit seiner Lebhaftigkeit nicht,
mit den Sternschnuppen nicht, die in seinen Augen
kreuzten, mit dem Feuerwerk seiner Worte nicht, das
zwischen ihnen abbrannte, und mit seinem Lachen nicht.
Die Zeiger der Uhr hatten eine Wendemarke erreicht, an
der ihnen nur noch blieb, sich von ihren leeren Gläsern,
den überquellenden Aschenbechern, von den beiden Mädchen
mit ihrem Begleiter und von ihrem letzten Geld zu trennen.
"Schade, aber es wird Zeit, sonst handeln wir uns
noch eine Ausgangssperre ein."
"Wäre das so schlimm?"
"Sehr schlimm", bejahte Jürgen mit Nachdruck
ihre halb herausfordernd klingende Frage, "besonders
jetzt, wo es für mich auf jeden Landgang ankommt."
Flog ein Schatten durch ihr Gesicht, oder lag es nur an
der Lampe, die er beim Aufstehen zum Schwingen gebracht
hatte?
"Bleibt nur zu hoffen, dass Sie sich da nicht täuschen",
warf ihre Freundin trocken ein, "dieses Bad hat
schon öfter kalt gewirkt und mehr versprochen!"
"Selbst wenn", tat Jürgen diese Anspielung mit
einer Handbewegung ab, "dafür hat dieser Abend
schon gehalten, wovon noch gar nicht die Rede war."
Sie lachte.
"Nett übertrieben, klingt aber gut."
"Nicht überzeugt?"
"Nein, aber müssen wir ja auch nicht. Oder"?
wandte sie sich fragend wieder der eigentlichen Mitte zu.
"Ganz sicher nicht", ließ auch diese sich auf
das Geplänkel ein, auf die leicht amüsierte Art, mit
der auch Harald dem Hin und Her zwischen ihnen gefolgt
war, und auf die gute Miene ihres Begleiters zu diesem
Spiel.
"Also, gute Nacht und guten Heimweg dann, es war
nett, Sie kennen gelernt zu haben."
Mit dem Echo dieser und ähnlicher Komplimente im Rücken,
nahm sie draußen der heftige Wind, der von der See herüber
wehte, in Empfang und schob sie in Richtung Station auf
dem vor Nässe glänzenden Asphalt vor sich her. Der
Regen machte zum Glück gerade Pause, und viele weitere
Worte, nach denen der letzten eineinhalb Stunden, lagen
auch ihnen nicht mehr auf der Zunge.
Jürgen hatte sich in ein Selbstgespräch zurückgezogen,
in dem ohnehin nur von ihr noch die Rede war und von den
Bildern, die in ihm aus allen Teilen der Welt
zusammenliefen, um in Zukunft, seinem Empfinden nach, nur
noch verbunden mit ihr, gesehen, von ihm erfasst und
verstanden werden zu wollen.
Erst nach zweimaligem Anlauf war es Harald deshalb
gelungen, mit seiner Frage bis in sein Bewusstsein
vorzudringen.
"Hast du überhaupt zugehört?"
"Entschuldige, nein, was hast du gesagt?"
"Ob du mir für morgen mit ein paar Mark aushelfen
kannst, weil ich mich doch mit dem einen Mädchen
verabredet habe und meine Geldanweisung nicht vor übermorgen
hier sein kann?"
"Natürlich, kann ich, ich bekomme ja morgen von
Martin noch Geld zurück. Für ein paar Tage wird es
reichen! Außerdem habe ich bis Mittwoch Bereitschaft und
sowieso keinen Ausgang."
"Danke, dann ist wenigstens das kein Hindernis mehr."
"Nun sieh das mal nicht so düster, sie wird schon
kommen", meinte Jürgen ihn aufmuntern zu müssen,
obwohl er gerade heute wieder an sich selbst feststellen
musste, wie sehr solche Verabredungen gefährdet sind.
In demselben Lokal nämlich hatte auch er sich, gestern
erst, ganz vage allerdings nur, für den kommenden
Mittwoch verabredet und wusste seit vorhin, dass er dort
warten würde, nun aber nicht mehr auf sie. Ganz wohl war
ihm nicht dabei. Na, ja. Auch er war nicht zum ersten Mal
versetzt worden. Und sicher war ja auch noch gar nicht,
ob sie überhaupt kommen würde.
Vor ihnen tauchten die Lichter der Station auf. Nach
kurzem Lauf und im letzten Zeigerruck meldeten sie sich
atemlos beim Wachhabenden von Land zurück.
"Haarscharf, meine Herrn. Irgendwann schaffen Sie es
doch noch, sich unrettbar in eine Ausgangssperre zurückzumelden!"
"Jawohl, Herr Bootsmann!"
Noch kurz unter die Dusche, dann in die Koje.
Es dauerte noch lange, ehe ihr Gesicht aus den Windgeräuschen
und aus der weiter draußen rollenden See immer näher
kam und mit ihm gemeinsam in seine Träume hinüber glitt.
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